Mittwoch, 1. April 2015

Geiles Terroir!

Otto von Bismarck
Otto Eduard Leopold von Bismarck-Schönhausen hätte sich gewundert. Der große Fürst Bismarck, ab 1890 Herzog von Lauenburg (auch wenn er diesen Titel stets ablehnte), war ein Nationalist, verachtete Katholiken und Sozialisten gleichermaßen, war ein kluger Außenpolitiker und zugleich Gralshüter preußischer Interessen. Und, er war ein Genussmensch. Heute vor 200 Jahren wurde er geboren.

Im Sommer 1851 besuchte Bismarck (damals noch einfach nur 'von' Bismarck) mehrfach den Rheingau. Was alleine schon für seinen brillanten Verstand und hohe Genussqualität spricht. Dreimal weilte er auf Schloss Johannisberg zu Gesprächen mit Fürst Metternich. Was für ein Bild muss das gewesen sein sein – zwei Männer, die im Nachklang der Geschichte nahezu 100 Jahre Europas Entwicklung wesentlich prägten. Bismarck selbst schreibt später über diese Besuche, dass er die Reden des alten Meisters sehr geschätzt habe, aber ebenso die Erzeugnisse seines Weinberges.

Bismarck wusste zu genießen. Heute besteht Weingenuss häufig aus einer literarischen Übung, die oft auch noch schiefgeht. Weine wollen getrunken werden.

Manch Weintrinker und Weinkenner beschreibt uns gerne sein Weinerlebnis. Von 'stahliger Mineralik' ist dann zuweilen die Rede. Als ob Geologen den Wein untersucht hätten. Oder ich lese von einem Wein als 'fette Wuchtbrumme'. Will ich wirklich die geheimen Wünsche, Sehnsüchte und Neigungen von diesem Weintrinker kennen? Oder will ich einen Wein, der mir mit 'nasser Erde' beschrieben wird? Da klingen Bezeichnungen wie 'fleischiger Wein' oder 'ein leicht floraler Wein' doch sehr angenehm.

Weine schmecken oder schmecken nicht

Besonders unangenehm wird es in meinen Augen, wenn dann auch noch Weine als 'geil' oder 'geiler Scheiß' (was eine Steigerung in der Bewertung sein soll) bezeichnet werden. Manchmal lasse ich mich dazu hinreißen, Weine als schön zu bezeichnen. Aber, Weine sind nicht schön, Frauen sind schön (diese Formulierung ist ein kurzer Ausflug in die chauvinistische Welt von Wein, Weib und Gesang), Weine schmecken oder schmecken nicht.

„Eine saftige Kirsche tanzt hier gleich mit einem ganzen Reigen dunkelroter Früchte – nicht Walzer, sondern Tango! Zur Sommerküche immer der richtige Schritt.“ Solche Beschreibungen können Winzer auch noch kaufen. Was soll man denn bloß zu solch einem Wein essen? Natürlich kann jeder Weintrinker Weine beurteilen. Das große Spektrum der Aromen kann gerochen und geschmeckt werden. Das Zusammenspiel von Farbe, Geruch und Geschmack kann uns zu einem besonderen Genusserlebnis führen. Manchmal erleben wir aber auch eine diffuse Duftwahrnehmung und das versprochene Feuerwerk der Aromen entpuppt sich als Blendwerk. Da wäre dann die richtige Beurteilung für den Geschmack 'unharmonisch'...

Weinsprache ist Marketing

Weinberg in Rüdesheim am Rhein

Klar, es gibt ohne Frage viele ernstzunehmende und bedeutende Weinkenner und -bewerter. Dennoch erlebe ich immer wieder Weintrinker, die völlig verschüchtert vor erstklassigen Weinbewertungen stehen und mir sagen: „Jetzt hat dieser Wein 89 Punkte, aber mir schmeckt er nicht.“ Weinbeschreibungen sind immer subjektiv. Von ihnen kann keine Allgemeinverbindlichkeit ausgehen. Gleichwohl sind sie oft eine wertvolle Orientierung, können eine Hilfestellung darstellen. Dazu zählt auch das immer wieder gern benannte Terroir. Diese Verbindung von Boden, Klima und Mensch/Winzer lässt sicher wunderbar die Unverwechselbarkeit einer Region beschreiben. Aber, auch hier spielen viele Unwägbarkeiten und unbekannte Größen eine Rolle. Bodenbearbeitung, Klimaveränderungen und -schwankungen sowie Kellertechnik und Fähigkeiten eines Winzers beeinflussen das Terroir seit Menschengedenken. Aus guten Trauben muss noch lange kein guter Wein werden (ein Umkehrschluss wäre hier nicht zulässig).

Lasst dem Wein das Rätselhafte

Hermann Hesse hat in einem Brief 1936 geschrieben:

„Man sollte Bücher nicht mit solchen Gedanken und Fragen lesen, wie Sie es tun. Wenn Sie eine Blume betrachten oder an ihr riechen, so werden Sie ja auch nicht gleich darauf die Blume zerpflücken und zerrupfen, sie untersuchen und mikroskopieren, um herauszukriegen, warum sie so aussehen und so durften muß. Sondern Sie werden eben die Blume, ihre Farben und Formen, ihren Duft, ihr ganzes Dasein in seiner Stille und Rätselhaftigkeit auf sich wirken lassen und in sich aufnehmen. Und sie werden von dem Blumenerlebnis genau in dem Maß bereichert sein, in dem Sie der stillen Hingabe fähig sind.
So wie mit der Blume sollten Sie es mit den Büchern der Dichter auch machen.“

Mit dem Wein sollten Sie es auch so machen. Genießen Sie (hier und auch einfach still) und suchen Sie nicht alle Erkenntnis zu gewinnen. Lassen Sie dem Weingenuss etwas von der Rätselhaftigkeit des Seins.