Dienstag, 14. April 2015

Monet und die Provokation der Mahlzeit

Das war ein echter Hammer. Geradezu unverschämt! Auch noch im Salon de Paris wollte er es ausstellen: Claude Monet und sein Gemälde Le déjeuner (Das Mittagessen) von 1868. Dieses Gemälde – immer im Städel zu sehen – ist gerade dort ein besonderes Highlight der Ausstellung Monet und die Geburt des Impressionismus (sehr zu empfehlen: www.staedelmuseum.de).

Le déjeuner
Historienbilder sind groß, umfassend, majestätisch – die Königsdisziplin der Malerei bis weit in die Neuzeit hinein. Und jetzt kommt dieser Dandy Monet und erlaubt nicht nur einen Blick ins Private, er malt dieses familiäre Mittagessen auch noch in raumfüllender Dimension, wo traditionsgemäß maximal ein kleines Bild zulässig gewesen wäre. Unerhört! Althergebrachte Grundsätze der Kunst werden verhöhnt. Schlimmer noch, die dargestellte Szene präsentiert uns seine Geliebte (!!!) Camille und den unehelichen Sohn Jean. Skandal! Dieser Grenzgänger Monet will aber zugleich Teil der bürgerlichen Gesellschaft sein. Daher darf natürlich das Hausmädchen nicht fehlen.

Die unendliche Tragik der Bildkomposition liegt für mich aber in der zentralen Betonung der Nebensächlichkeiten – dem entscheidenden Widerspruch der damaligen Kunsttradition: Das Essen steht im Mittelpunkt.

Monet ein früher Facebookianer?

Wir kennen das heute. Sobald man auf Facebook aktiv ist, wird man von Bildern mit Speisen und Getränken nahezu überschüttet. Als Wohlbefinden wahrgenommene Alltäglichkeiten werden in unendlicher Breite zelebriert. Es erinnert an die Schaumahlzeiten der Könige im Mittelalter, später der Reichen und Mächtigen.

Tagtäglich erleben wir in unserer Gesellschaft ein Schauspiel, dessen Qualität von verwegener Selbstüberlistung, Ironie und Heuchelei zeugt. Wir erleben eine mediale Inszenierung von Alltagskompetenz, die erschreckend ist. Alleine heute, Dienstag, bietet uns das Fernsehen mehr als 14 (!!!) verschiedene Kochsendungen an. Insgesamt haben wir rund 90 Kochshows im Deutschen Programmangebot. Abgeschmeckt wird das alles mit einem unendlichen Zeitungsangebot, Foren und Internetangeboten.

Essen ist Ausdruck von Lebensart. Japanische Kochmesser, Benimmschulen und ausgefallene Gewürz-Gastgeschenke prägen die moderne Ernährung. Einerseits. Andererseits geht bei immer mehr Menschen die Fähigkeit zum Kochen verloren. Ich möchte nicht wissen, wie viele Fernsehzuschauer allabendlich mit der Chipstüte in der Hand, den Resten der Fertigpizza auf dem Tisch und dem Tetra Pak Rotwein schlürfend „Das perfekte Dinner“ genießen.

Im Alltag schlabbert einen an jeder Ecke irgendjemand mit Essen in Tüten und Kaffee aus Pappbechern an. Hoch lebe der Umweltschutz! Die in mehr als 200 Jahren gewonnene und gewachsene soziale Architektur von Essen und Trinken geben wir der Beliebigkeit preis.
 
Unsere Essgewohnheiten sind schlimmer als ein Sammelsurium

Während unsere Vorfahren lediglich zwei Mahlzeiten am Tag kannten – morgens gegen 11 und am frühen Abend gegen 17.00 oder 18.00 Uhr – entstanden in der Neuzeit bis zu sieben Mahlzeiten am Tag. Unser heutiges zweites Frühstück (die Frühstückspause) wurde im 19. Jahrhundert in besseren Kreisen als Gabelfrühstück bekannt. Oft regierte im Mittelalter Schmalhans als Küchenchef. So verwundert es eben nicht, dass das einfache Volk (aber auch bei den Reichen und Adligen war es oft schwer gute Kost zu genießen) häufig Essensreste mit Essig aufkochte – die Mahlzeit hieß schlicht Sammelsur. Hieraus hat sich das abfällige Sammelsurium unserer Sprache entwickelt. Wir verbinden es kaum noch mit dem Essen. Mit Blick auf Fast Food, Billiggerichte, Fertigessen und Tischverhalten wäre der Begriff allerdings oft sehr passend.

Kein Mord bei Tisch

Natürlich gab es bei den Mächtigen der Vergangenheit oft große Gelage, trotz häufiger Lebensmittelknappheit. Meist wurde alles Essen – saure Speisen, kalte und warme Gerichte, Desserts – auf einen Schlag serviert; es entstand ein fürchterliches Fressen. Keine Regeln, kein Händewaschen, kein Besteck – oft nur das eigene Messer. Wenn es ein Tischtuch gab, dann wurde es eher zum Abwischen des Mundes benötigt. Trinkbecher oder Gläser für jeden Gast waren selten (meist teilten sich zwei einen Becher).

Diese Fress- und Trinkgelage endeten jedoch für manchen Teilnehmer schlicht tödlich. Nicht selten entstand Streit, der zu Handgreiflichkeiten und gewalttätigen Auseinandersetzungen führte. Karl der Große hat daher schon den Mord bei Tisch unter harte Strafe gestellt. Der Täter wurde hingerichtet. War er nicht ausfindig zu machen und betrug die Zahl der Tischgäste weniger als sieben, so wurden alle zur Verantwortung gezogen…

Das Gemälde eine Provokation bis heute

Die Tischsitten änderten sich, als Damen zu den Gelagen zugelassen wurden. Erinnern wir uns nur an die Bedeutung der Medici-Prinzessinnen Maria und Katharina, die nach dem Hundertjährigen Krieg den verrohten Tischsitten in Frankreich entgegenwirkten. Wegbereiter der Tischkultur waren aber oft und nachhaltig die Klöster. Dort, wo viele Menschen jeden Tag alle Mahlzeiten gemeinsam einnahmen, mussten Regeln den Ablauf bestimmen.

Während über Jahrhunderte das Essen bei aller Kargheit ein Gemeinschaftserlebnis war, erleben wir heute die Individualisierung des Essens. Vielleicht liegt hier die 'eigentliche' Provokation des Gemäldes von Claude Monet…

Letztlich ist das Gemälde Le déjeuner eine Einladung zum Innehalten und zur Überprüfung eigener Ess- und Tischgewohnheiten. Speisen von guter Qualität und schmackhafte Weine mit lieben Menschen genießen. Claude Monet erinnert uns mit seinem Bild aus dem Jahre 1868 heute noch an den Sinn und Wert einer Tischgemeinschaft. Guten Appetit!