Dienstag, 23. Juni 2015

Es braucht mehr Empörung!

Die Jubiläen sind vorbei. Keiner hat es so richtig gemerkt. Es interessiert auch nicht mehr.

Da ist zunächst die große Magna Carta Libertatum. Oh, was für eine Urkunde für die Freiheit. Ja, das verbriefte Recht der Freiheit im Jahre 1215 (die Urkunde heißt zwar erst seit 1217 so, aber egal). Nur, es ging um Freiheit wie Fürsten sie definierten. Es ging nicht um Wahlrecht, Mitbestimmung, Gleichheit der Stände. Nein! Es ging um Machtbegrenzung des Königs. Jener war ein unglücklicher Herrscher: Johann Ohneland, der Bruder von Richard Löwenherz – wir erinnern uns hier eher an Robin Hood, der engagiert den Sheriff von Nottingham bekämpfte.

Und schon verschwimmen Wirklichkeit und Fiktion. Über Jahrhunderte interessierte niemanden wirklich in England die Magna Carta. Gleichzeitig faszinierte damals wie heute der Kampf von Robin gegen staatliche Willkür (die war nämlich mit der Magna Carta nicht abgeschafft). In einer Welt unfreier Bürger (wenn man den Begriff Bürger überhaupt schon verwenden darf) waren die Mythen des Kämpfers für die Armen und Entrechteten Legende.

Wider der staatlichen Willkür

Vielleicht liegt da auch der tiefere Sinn der Magna Carta – eine Begrenzung des Gottesgnadentums. Wenn auch nur für die Mächtigen, die Barone, Grafen, Herzöge und Prinzen. Wesentlicher Teil der Magna Carta ist die Wiedergabe der Charter of Liberties von Heinrich I. (dem jüngsten Sohn von Wilhelm dem Eroberer – hier sei nur an den einzigartigen Teppich von Bayeux erinnert). Dem Adel werden grundlegende Rechte verbrieft. Damit wird andererseits die Unterstützung für den König gewonnen. Wir kennen das.

Kennen wir alles

Im Grunde bräuchten wir gar nicht neidvoll nach England zu schielen. Mit der Karolingischen Renovatio erleben wir nicht nur ein Aufblühen antiker Geistesvorstellungen, wir erleben klare Rechtssetzungen in Deutschland. Ihr größter Verfechter ist Hrabanus Maurus, der 856 in Winkel, im heute ältesten Steinhaus Deutschlands – dem Grauen Haus –, verstorben ist. Wir kennen den Mainzer Landfrieden von 1235, der Verfassungsrang im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation hatte. Dem geht 1103 der Erste Mainzer Reichslandfrieden voraus – man muss z.B. eine Fehde drei Tage vorher ankündigen … . Aus der Mitte des 13. Jahrhunderts seien hier noch der Sachsenspiegel und das Mühlhäuser Reichsrechtsbuch erwähnt. Von großer Bedeutung für unsere Geschichte ist zweifelsohne die Goldene Bulle von 1356, die letztlich auf dem Kurverein von Rhens fußt, und zugleich Frankfurt am Main zum Krönungsort macht.

Man darf sicher die Behauptung aufstellen, dass das Heilige Römische Reich Deutscher Nation aufgrund seiner starken föderalen Ausrichtung schon sehr früh verlässliche Regeln für den Zusammenhalt brauchte. Die sieben Kurfürsten, die den Deutschen König wählten, waren weniger vom Gottesgnadentum sondern eher von der jeweiligen Arrondierung ihrer Machtsphären beseelt. Das schränkte zunächst zentralstaatliches Handeln ein, führte aber auch öfter zu kriegerischen Auseinandersetzungen.

Gewahrt blieb letztlich regionale Autonomie und Souveränität. Wichtiger aber, es gab kein wirkliches politisches und kulturelles Zentrum. Dies führte zugleich bei kultureller Vielfalt zu unterschiedlichen Entwicklungen der Ideen von Freiheit und Gleichheit. Reformation und 30jähriger Krieg haben nicht zuletzt in der Schwäche des Zentralstaats ihre Ursache.

Napoleon vielleicht der wahre Sieger

Bekannter als seine Bezwinger: Napoleon
Mit Napoleon, diesem Aufsteiger aus dem Nichts, erfährt Deutschland erstmals nach Karl dem Großen wirkliche zentralstaatliche Macht. Mit vernünftigen Rechtssetzungen. Vielleicht mögen wir den großen Verlierer von Waterloo deshalb immer noch. Zumindest ist er deutlich bekannter als all die, die ihn besiegten. Ich mag ihn. Alleine, wegen seiner Einschätzung von Champagner – 'Nach dem Sieg bekommst Du ihn, nach der Niederlage brauchst Du ihn.'

Er hatte einen Traum von Europa. Den hatten die Herren des Wiener Kongresses auch. Ihnen ging es im Kern um die Verhinderung neuer Vormachtstellungen, zugleich schufen sie die Voraussetzungen dafür. Randstaaten wurden stark, alte Zentralmächte geschwächt. Die Basis für neue Rivalitäten war geschaffen. So ist es bis heute. Leider!

Aus der Geschichte lernen

Es ist verpönt. Klischeehaft. Wir nehmen Geschichtsdaten immer wieder gerne als Beweis von Wissen zur Hand. Bedauerlicherweise fehlt unserer Gesellschaft oft ein verständiger Wille. Europa und staatliche Ordnung wachsen aus dem Verständnis kultureller und ethnischer Vielfalt. Es braucht keine Einheitlichkeit. Es braucht das gegenseitige politische Einverständnis. Dies setzt Wissen, Einsatz und verschiedentlich auch, wie Stéphane Hessel schrieb, Empörung voraus. Das Schlimmste, ist nach seinen Worten, die Gleichgültigkeit. Die macht sich breit in Europa. Es ist der Nährboden für extreme politische Strömungen. Deswegen lohnt es sich immer wieder an Ereignisse der vergangenen Jahrhunderte zu erinnern. Männer und Frauen aus allen Schichten haben immer wieder für Freiheit gekämpft. Wir haben sie. Vermeintlich!