Mittwoch, 29. Juli 2015

Kennen Sie Voltaire?


Klar, der hat doch den kategorischen Imperativ geformt: "Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde." Der ist zwar von Immanuel Kant, dieser Tage aber sicher mehr als beachtenswert.

Hier war es in letzter Zeit sehr still. Ich habe wenig geschrieben. Mein eigener Anspruch macht mich zuweilen wort- und der Alltag sprachlos. Was haben wir vor der Sommerpause für ein Gipfeltheater gehabt. Hier ein Gipfel, da ein Sondergipfel und dann ein nächtlicher Gipfel. Europa wird fragwürdig. Erst geht es um 7 Milliarden, jetzt wird über 86 Milliarden verhandelt. Verhandelt! Dafür so unendlich viele Gipfel vorher… Nebenbei kann man sich nicht über die Unterbringung von 60.000 Flüchtlingen im christlichen Abendland einigen. Und in Deutschland: Der Bundestag beschließt immer mehr Gesetze, die entweder gegen europäisches Recht oder deutsches Verfassungsrecht verstoßen. Da wird man sprachlos, es wächst Gleichgültigkeit, Schweigen.

Alles Schweigen muss ein Ende haben

Und jetzt lese ich: 202 Übergriffe auf Asyl- und Flüchtlings-unterkünfte alleine im 1. Halbjahr 2015 in Deutschland. Da darf man nicht mehr still sein! Nicht nach der Gutmenschen-Art betroffen und insgeheim mit der Freude darüber, das keine Asylbewerber in der Nachbarschaft sind. Ein Übergriff wäre schon schlimm, aber 202 – das ist ein gesellschaftlich-politisches Problem, nein, noch tragischer, es ist ein Drama!

Natürlich braucht eine Demokratie unterschiedliche Auffassungen und Meinungen, sie braucht Extreme. Eine Demokratie muss das aushalten! Aber, Gewalt gegen Menschen?

Mir gefällt auch nicht jeder Mensch in unserem Land. Manchmal sehe ich z.B. dicke Frauen in Leggins gepresst, Männer in Shorts mit weißen Strümpfen und Sandalen, Glatzköpfe mit unerträglichen Westen und noch viel mehr. Demonstriere ich deswegen gegen sie, zünde ich ihre Häuser an? Ich will sie nicht sehen. Und doch haben sie einen Anspruch auf eigene Entfaltung, auf ihr eigenes Leben in Würde und Freiheit. Wie Schwule, Lesben, Andersdenkende, Andersgläubige und eben auch Flüchtlinge.

Was für ein Vergleich, wird manch einer denken. Toleranz fängt in Kleinigkeiten an, in den eigenen vier Wänden, im eigenen kleinen persönlichem Umfeld.

Konfuzius hat einst formuliert: „Begegne den Menschen mit der gleichen Höflichkeit, mit der du einen teuren Gast empfängst. Behandle sie mit der gleichen Achtung, mit der das große Opfer dargebracht wird. Was du selbst nicht wünschst, das tue auch anderen nicht an. Dann wird es keinen Zorn gegen dich geben – weder im Staat noch in deiner Familie.“ Und Isokrates sagt: „Tut anderen Menschen nicht an, worüber ihr empört wäret, wenn ihr es selbst erfahren müßtet. Was immer ihr mit Worten verurteilt, dies setzt auch niemals in die Tat um.“

Hilf allen, soweit du kannst

Es genügt Arthur Schopenhauer: „Verletze niemanden, vielmehr hilf allen, soweit du kannst.“ Eine regula aurea, eine Goldene Regel des Lebens besagt: Behandle andere so, wie du von ihnen behandelt werden willst. Als Sprichwort ist uns die Kernaussage der Fabel des Aesops vom Adler und dem Fuchs bekannt: „Was du nicht willst was man dir tu', das füg’ auch keinem andern zu.“

Den Straftätern, die Flüchtlinge angreifen, Unterstützer bedrohen, Unterkünfte anzünden, sei gesagt, sie wollen ein System der Willkür. Ein solches System kennt keine Grenzen, jeder kann dort Opfer werden. Selbst die Protagonisten.

Fast hätte ich Voltaire vergessen. Er schrieb in seinem Plädoyer für Toleranz 1763: „Aber noch klarer ist, daß wir uns wechselseitig dulden müssen; denn alle sind wir schwach, schwankend und der Unbeständigkeit wie dem Irrtum verfallen.“