Dienstag, 25. Oktober 2016

Die Buchmesse vorbei, die Trauben gelesen, Europa gescheitert – wieder einmal

Wäre ich dem freundlichen Lächeln der Hostessen auf der Buchmesse gefolgt, so hätte ich mindestens ein Dutzend weiterer Tageszeitungen und Zeitschriften abonniert. Da war ganz schön was los auf der Buchmesse. Mehr als 7100 Aussteller, unendlich viele Bücher, Zeitungen und Zeitschriften, Kataloge und Kalender; überbordende Informationen in Dutzenden von Sprachen aus aller Welt. Es ist ein Allgemeinplatz: Noch nie in der Geschichte der Menschheit hatten so unendlich viele Menschen freien Zugang zu Informationen und Wissen wie heute. Und doch überfordert uns die Informationsgesellschaft, lädt ebendiese zu Verschwörungstheorien aller Art ein. Nicht Fakten, Meinungen zählen. Ein postfaktisches Zeitalter. Wir könnten so unendlich viel wissen, und doch wollen wir nur glauben, was wir vermeintlich wissen.

Vom „Ewigheutigen“ spricht Safranski. Wir kommunizieren in die Breite, nicht in die Tiefe. Dank Twitter und Facebook wissen wir oft, was Menschen denken bevor sie nachgedacht haben. Abwägen und Überlegen, „die Blickrichtung zu ändern“ wie Carolin Emcke fordert, scheint für viele Menschen eine Zumutung zu sein. Übrigens, ich freue mich über den Friedenspreis für sie.

Erntezeit

Es ist Herbst. Erntezeit. Und auch Verlage wollen 'ernten'. Volle Auftragsbücher für sie, interessante Angebote im Buchhandel für uns, neue Verträge für Autoren. Alle bereiten sich auf den Winter und das nächste Jahr, das Jahr der Reformation, vor. Klar, viele kirchliche Medien präsentierten sich gerade deshalb auf der Buchmesse.

In Landwirtschaft und Weinbau war und ist ebenfalls Erntezeit. Von geistigen zu kulinarischen Genüssen. Bei den vielen Kochbüchern auf der Buchmesse und den wirkungsvollen Kochshows müsste man sich sicher keine Sorgen mehr um unsere Ernährung machen. Wieso kommt mir dieser simple Spruch 'Die Menschen kaufen sich einen Grill für 800 Euro und legen 10 Bratwürste für 99 Cent drauf' in den Sinn? Egal!

Es war ein schwieriges Jahr für Bauern und Winzer. Achtung, eine solche Aussage bedeutet Preiserhöhungen im nächsten Jahr. Gerade die Winzer konnten aber in den letzten Tagen noch hohe Qualitäten ernten. Mehr als ärgerlich, wenn einem Winzer dann, wie im Rheingau geschehen, die Trauben am Stock geklaut werden. Für die Familie Russler in Walluf nicht nur ein finanzieller Verlust von mehr als 10.000,-- Euro. Kraft und Mühen letztlich umsonst. Es geht auch um beste Weinqualitäten, die man einfach nicht mehr auf den Markt bringen kann.

Dabei müssen die Räuber sehr professionell in der Steillage am Werk gewesen sein. 10 Erntehelfer brauchen wenigstens drei bis vier Stunden für die Rebzeilen. Ein Versehen? Bestimmt nicht. Gut organisierter Diebstahl. Darth Vader war auf der Buchmesse – wieder einmal. Raum für Verschwörungstheorien.

Verschwörungstheoretiker lasst mich in Ruhe!

Für alles und jedes gibt es ja heute eine Verschwörungstheorie. Beliebt sind gerade diese, die unsere Demokratie betreffen, die Europa in Frage stellen. Dabei war die Welt so einfach, als es zwei Blöcke gab. Dort der böse Osten, hier der gute Westen. Ist nicht mehr. Jetzt wird überall Manipulation vermutet. Vielleicht manipulieren sich die Verschwörungstheoretiker auch einfach nur selbst.

Europa hat es eben nicht leicht. Misstrauen, nationale und regionale Interessen, Angst vor Neuem und Unbekanntem. Möglicherweise sind unsere politischen Strukturen nicht zeitgemäß, sind Politik, Verwaltung, wir alle einfach überfordert. Erst Griechenland, dann Flüchtlingskrise, jetzt CETA – es ist verdammt schwierig für unseren Wohlstand einen gesellschaftlichen Konsens zu erzielen. Carolin Emcke formuliert es treffend in ihrer Dankesrede zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels: „Demokratie ist keine statische Gewissheit, sondern eine dynamische Übung im Umgang mit Ungewissheit und Kritik.“

Und nun auch noch die Reichsbürger. Ich habe mir mal das Reichsbürgergesetz von 1935 angeschaut. Nein! Keine Option für Deutschland. Was macht Deutschland aus? Preußische Tugenden, rheinische Lebensart und bayrische Kost? Vielleicht. Deutschland ist aber mehr. Hrabanus Maurus und Bonifatius gehören dazu, Luther und viele andere. Denken wir doch Deutschland und Europa karolingisch. Und wenn man alles zu Ende denkt, dann sind wir alle vielleicht auch ein klein wenig Römer. Gut, dass Ingo Zamperoni die Tagesthemen moderiert.