Montag, 7. November 2016

Jetzt mal ehrlich: Wer hat Luthers Hammer?

In Mainz steht einer der ältesten und wohl schönsten Brunnen der Renaissance. Gestiftet 1526 von Kurfürst Albrecht von Brandenburg, ein großer Kunstmäzen und Renaissancefürst. Drei Bistümer nannte er sein eigen. Kostspielig. Politisch mächtig, aber mittellos. Das Mainzer Domkapitel wählte ihn zum Mainzer Bischof. Aus strategischen und taktischen Gründen. Ihn selbst darf man getrost als Pfründenjäger bezeichnen. So etwas kennen wir heute nur noch beim IOC und der FIFA. Die für die Ernennung durch den Papst notwendigen Palliengelder hatte er nicht. Seine Heiligkeit Papst Leo X., ein Medici, gestattete ihm zur Zahlung die Durchführung eines Ablasses - „Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Fegefeuer springt.“ Und das alles zur Finanzierung des Peterdoms in Rom.


Dank Geld in den Himmel – wie konnte Luther das nur kritisieren?

Ein geniales Geschäftsmodell: Erst erklärt man den Menschen ausgiebig ihre Verwerflichkeit. Dafür müsse man in die Hölle, auf jeden Fall ins Fegefeuer. Es gibt nur einen Weg der Erlösung – eine Ablassurkunde. Man setzte einfach eine Lesefähigkeit des Teufels voraus. Mit so einer Urkunde konnte man sich selbst oder bereits Verstorbene vor der ewigen Verdammnis bewahren. Klasse! Man zahlt, erhält Urkunde – fertig fürs Himmelreich. Barzahlung, keine Reklamation möglich. Alle glücklich und zufrieden. Und so etwas kritisiert Martin Luther. Spielverderber!

Ich mag Luther. Daher glaube ich, er hat den Disput, nicht die Provokation gesucht. Bestimmt hat Luther, ein Professor, gar nicht 1517 in Wittenberg gehämmert. Da waren seine Oberen von ganz anderem Kaliber. Bischöfe, ja sogar Päpste haben mit Schwertern mächtig in Schlachten sich gegenseitig den wahren Glauben um die Ohren gehauen. Jahrhundertelang haben sich Christen untereinander, Christen gegen Juden, Christen gegen Moslems, Moslems gegen Moslems, Moslems gegen Juden – einfach alle immer wieder – im Namen des einen, richtigen unendlichen Gottes bekriegt. Töten im Namen des lebensspendenden Gottes. Unsere Päpste und Bischöfe waren da immer ganz vorne dabei. Immer für den rechten Glauben kämpfen. Und als Luther ihn gefunden zu haben glaubte, war er schon wieder ungläubig. Dafür zahlen wir heute Kirchensteuern, die wiederum Papst Benedikt XVI., kein zwingender Freund der Protestanten, 2011 in Freiburg massiv kritisierte. Vielleicht wäre die Frage der Kirchensteuer eine 96. These geworden... .

96. These? Wider der Kirchensteuer?

War es der Hammer eines Zimmermanns?
Ja, Luther war und ist wichtig. Als Katholik, auch noch römischer, ist mir eben diese gesamte römische Cesarennachbildung in jedem katholischen Gottesdienst höchst unangenehm. Nicht nur mit Weihrauch wird hier vernebelt, bestimmt, gelenkt. Gerade die katholische Kirche ist eine echte Verbotskirche! Da freue ich mich ganz besonders über zwei Lieder im evangelischen Gesangbuch; alleine für diese hat sich die Reformation schon gelohnt. Klar und deutlich, der Kern unseres christlichen Glaubens und meiner ganz persönlichen Hoffnung:

1. Du kannst nicht tiefer fallen als nur in Gottes Hand (Nr. 533)
2. Ein' feste Burg ist unser Gott (Nr. 362)

Eine Legende will es, dass Martin Luther das Lied 'Ein' feste Burg ist unser Gott' erdichtete, als er auf dem Weg nach Worms am 15. April 1521 Station in Oppenheim machte, und von seinem Zimmer den Blick auf die mächtige Burg Landskron hatte.

Ausgerechnet in Worms, wo Martin von Tours (der 1200 Jahre vor dem Thesenanschlag geboren wurde) wenige Meter entfernt vom Versammlungssaal der Reichsfürsten eingekerkert gewesen sein soll, weil er Soldat Christi sein wollte und nicht mehr Offizier des römischen Kaisers. Ausgerechnet hier, wo eine bedeutende Papstwahl stattfand, wo ein anderer Papst aufwuchs, und strenggläubige Juden ihren großen Gelehrten Raschi verehren, da erklärt sich Martin Luther. Mit einem Satz, den er wahrscheinlich gar nicht gesagt hat, aber, er passt.

Wer hat Luthers Hammer?

Hier stehe ich und kann nicht anders! Gott helfe mir, Amen!", soll Luther gesagt haben. Legende, wie wir heute wissen. Legende ist auch der Thesenanschlag. Die Wissenschaft ist sich heute einig, er hat die Thesen nicht angeschlagen. Er hat einen regen Briefverkehr mit vielen namhaften Gelehrten und Geistlichen jener Zeit geführt.

Und doch ist er auch Opfer politischer Intrigen geworden. Das wichtige und ernsthafte Anliegen Luthers wurde zum Gegenstand kriegerischer und machtpolitischer Auseinandersetzungen. Verbrannte Erde – getötete Menschen. Immer wieder für Macht, Geld, Einfluss. Jedes Mittel war okay. Verleumden, Aushungern, Zerstören, Morden. Im Namen Gottes.

Die Mainzer bezeichnen den Marktbrunnen als 'warnende Spende' des Kurfürsten. Nach den Bauernkriegen wurde den Bürgern der Stadt die kurfürstliche Macht und Herrschaft mit diesem kunstvollen Geschenk vor Augen geführt. Gönnerhaft. 500 Jahre später inszenieren kirchliche Würdenträger aller Konfessionen noch immer. Die Kirchensteuer macht es möglich.

Martin Luther würde dafür deftige Formulierungen finden. Und mit dem Hammer kräftig reinhauen.